Leseprobe - Figaros Flehn und Flattern

Der Originaltext der sogenannten "Militärarie"
von Lorenzo da Ponte

Non più andrai farfallone amoroso
Notte e giorno d'intorno girando;
Delle belle turbando il riposo
Narcisetto, Adoncino d'amor.

Non più avrai questi bei pennacchini,
Quel cappello leggero e galante,
Quella chioma, quell'aria brillante,
Quel vermiglio donnesco color.

Tra guerrieri poffar Bacco!
Gran mustacchi, stretto sacco.
Schioppo in spalla, sciabla al fianco,
Collo dritto, muso franco,
Un gran casco, o un gran turbante,
Molto onor, poco contante!
Ed invece del fandango
Una marcia per il fango
Per montagne, per valloni
Con le nevi e i sollioni
Al concerto di tromboni
Di bombarde di cannoni
Che le palle in tutti i tuoni
All'orecchio fan fischiar.

Cherubino alla vittoria;
Alla gloria militar.

Prosa-Übersetzung von Ragni Maria Gschwend

Ach, nun wirst du nicht länger mehr flattern,
kleiner Falter, von Blume zu Blume,
wirst den Schönen die Ruh nicht mehr stören,
o Narzißchen, Adonis, ihr Gott!

Trägst nicht länger die prächtigen Federn,
nicht den Hut, der so leicht und galant ist,
nicht die Locken, die strahlende Miene
mit dem Purpur, der Mädchen sonst ziert.

Unter Kriegern, ach Potztausend!
Groß der Schnurrbart, schmal der Beutel,
mit der Flinte, mit dem Säbel,
stramm die Haltung, kühn die Miene,
Helm aus Eisen, wenn nicht ein Turban,
reich an Ehr, doch arm an Kleingeld!
Und anstatt der süßen Tänze
gibt es Märsche durch die Sümpfe,
über Berge, durch die Täler,
mal im Schnee, mal in der Hitze.
Beim Konzerte der Trompeten,
der Granaten, der Kanonen
pfeifen dir in allen Tönen
dann die Kugeln um den Kopf.

Cherubino, auf zum Siege!
Auf zu Ehr und Waffenruhm!

Adolph Freiherr von Knigge, 1788

Dort vergiß leises Flehn, süßes Wimmern,
Da wo Lanzen und Schwerdter nur flimmern,
Sey dein Herz unter Leichen und Trümmern
Nur voll Wärme für Ehre und Muth!

Du erscheinst nicht in seid'nen Gewändern,
Nicht gezieret mehr mit Blumen und Bändern.
Doch zur Rettung von Städten und Ländern
Giebst du willig dein jugendlich Blut!

Über deine rothen Wangen
Wird ein schwarzer Schnurbart prangen.
Große Flinten, lange Säbel:
Rechtsum kehrt euch!
Linksum schwenkt euch!
Schlecht gekleidet, oft ohne Strümpfe,
Über Hecken und durch Sümpfe,
Mit der Flinte auf den Rücken,
Springen bald und bald dich bücken.
Bald wirst du springen und bald dich bücken!
Statt den Tanz nach sanften Flöten,
Machst du Märsche nach Trompeten.
Du wirst brave Männer führen
Nicht zum Tanze, nein: zum Kampfe,
und im dicken Pulverdampfe,
Bey dem Knalle der Musketen,
Bey dem Donner der Karthaunen,
Lebst du stets in Tod'sgefahr.


Nun vergiß leises Flehn süßes Kosen II
MÜNCHEN 1895
[Ü: Hermann Levi, 1839-1900]

 

... König Ludwig II. hatte durch sein Mäzenatentum München zur Wagner-Stadt schlechthin gemacht. Doch nicht alle Münchner Opernbesucher waren Wagnerianer, im Gegenteil! Erbitterte Parteiungen für und gegen den Meister und sein Werk spalteten das Musikpublikum der Stadt weit über Wagners und auch Levis Tod hinaus. So kursierte unter seinem Nachfolger Felix Mottl, einem noch treueren Vasallen Bayreuths, zum Beispiel folgender doppelter Schüttelreim in Bayerns Residenzstadt: Was gehst zu dem Mottl in d' Tristan / Und hörst von dem Trottl den Mist an / Schaff lieber ein Drittl dir Most an / Und trink mit dem Mittl dir Trost an.
Kurz und gut, es mußte also dringend nach einem künstlerischen Gegengewicht gesucht werden, und wer bot sich da besser an als Mozart? Die Situation ist heute die, heißt es in einem zeitgenössischen Aufsatz von Carl Hagemann, Wagner will erobert, Mozart gerettet werden.
Um letzteres zu erreichen, setzte sich der Münchner Generalintendant Ernst von Possart ein ehrgeiziges Ziel: Er begann mit Hilfe seines Kapellmeisters Levi eine umfassende Mozart-Renaissance und begründete, vielleicht als Gegenpol zu den Bayreuther Festspielen, einen alljährlichen Mozart-Zyklus, der 1895 mit FIGAROS HOCHZEIT eröffnet wurde. Levi stellte dafür die einzelnen Partituren in ihrer ursprünglichen Form und mit ihren Rezitativen (jetzt am Klavier begleitet) wieder her, ebenso die Aufteilung in vier Akte, die sich zwischenzeitlich auf zwei reduziert hatte, und revidierte nun seinerseits die Devrientsche Übersetzung, die im Falle der Arie Nr.9 in der Tendenz nichts Neues bringt, nur in einzelnen Details. Vor allem blieb das "leise Flehn, süße Kosen" erhalten:

Nun vergiß leises Flehn, süßes Kosen
Und das Flattern von Rose zu Rosen;
Du wirst nicht mehr die Herzen erobern,
Ein Adonis, ein kleiner Narziß.

Nun vergiß diese prangenden Federn,
Diese Blumen, die schimmernden Bänder,
Diese Locken, die seid'nen Gewänder,
Dieser Wangen so rosigen Glanz.

Unter fluchenden Kam'raden
Große Bärte, braun gebraten,
G'wehr auf Schulter, Schwert zur Seite,
Festen Schrittes, kühnen Blickes,
Ganz gewappnet von Kopf zu Füßen,
Sehr viel Ehr', doch schmale Bissen!
Statt den Reigen anzuführen,
Heißt's in Reih' und Glied marschieren
Durch verschneite, wüste Wälder,
Über sonnenglüh'nde Felder.
Bei dem Donner der Geschütze
Und im hellen Pulverblitze
Sausen Bomben und Granaten
Rechts und links dir um das Ohr.

Cherubino, auf zum Siege,
Auf zu hohem Waffenruhm!

(Sie gehen marschierend ab. Als Cherubino Susanna hinter Figaros Rücken küssen will, befördert Figaro ihn hinaus.)